Die Region Lüttich
Die Stadt Lüttich (Liège), seit dem Mittelalter ein bedeutendes politisches, religiöses und auch wirtschaftliches Zentrum, ist heute Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Osten Belgiens und damit westlichste Metropole der Euregio Maas-Rhein. Mit Beginn der Industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde sie zu einem der dynamischsten und innovativsten Wirtschaftsräume Europas. Von ihr gingen entscheidende Impulse für die Industrialisierung der Region um Aachen aus, die nicht nur ihre ersten Dampfmaschinen aus Lüttich bezog, sondern auch einen wichtigen Teil der Maschinenausstattung für die Textilindustrie. Zudem wurde - zum Teil be-gleitet von wallonischen Unternehmern, die im Aachener Wirtschaftsraum tätig wurden - über vielfäl-tige Verflechtungen Kapital aus der Wallonie in Aachen investiert.
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Portrait von John Cockerill
Untrennbar verbunden mit der Geschichte der metallverarbeitenden Industrie im Südosten der Vereinigten Niederlande und später Belgiens sind die Namen bedeutender Industriepioniere. Neben Unternehmern wie Herni-Joseph Orban prägte vor allem John Cockerill die Region. Er war aus England eingewandert und hatte sich zunächst einige Zeit als Berater lokaler Unternehmer bei der Einführung englischer Technologien und Produktionsverfahren betätigt. Im Jahr 1807 gründete er in Verviers ein eigenes Maschinenbauunternehmen und begann 1817 bei Seraing, südwestlich der Stadt Lüttich, mit dem Aufbau seines Eisenwerkes.
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Etablissment de la Société John Cockerill
In diesem Unternehmen wurde später nicht nur das Puddleverfahren erstmalig auf dem Kontinent eingeführt, hier wurden auch die erste Lokomotive, das erste Stahlschiff und vermutlich die ersten Eisenbahnschienen auf dem europäischen Festland hergestellt - andere Quellen allerdings sprechen diesen Meilenstein dem Eisenwerk von Eberhard Hoesch in Lendersdorf zu.
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Standortkarte für Bergbau und Hüttenwesen
in Belgien um 1918
Entscheidend für die Entwicklung der Lütticher Region war die Kombination eines leistungsfähigen regionalen Kapitalmarktes, günstiger Standportbedingungen und des ungeheuren Nachfragevolumens der industriellen Revolution mit der Initiative wirtschaftlich und technisch innovativer Unternehmer und Ingenieure. Binnen nur weniger Jahrzehnte entstand so im Maastal um Lüttich ein mächtiges, aus einer Reihe bedeutender Eisenwerke, Metallverarbeitungsbetriebe und Maschinenbauunternehmungen bestehendes schwerindustrielles Zentrum. Seinen Hunger nach immer größeren Rohstoffmengen führte schließlich zu Minenkonzessionen, die über die ganze Welt verteilt lagen. John Cockerills Eisenwerk in Seraing, die Usines de la Société John Cockerill, zählte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den größten der Welt und war vermutlich eines der ersten integrierten Eisenwerke Europas. Heute ist die Cockerill-Sambre S. A. ein international operierender Konzern und größter Stahlhersteller Belgiens. Sie ist im Besitz der französischen Usinor S. A., die ihrerseits zur Arcelor Gruppe gehört
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Lokomotive aus der Produktion von
John Cockerill
Bereits früh entwickelte sich im Lütticher Becken, eng angebunden an die Hüttenbetriebe, auch der Maschinenbau. Die Fertigungspalette konzentrierte sich vor allem auf den Kraftmaschinen- und Lokomotivenbau sowie die Herstellung von Spezialmaschinen für die Hütten- und die Textilindustrie - in diesem Bereich entstand um Verviers ein weiterer Schwerpunkt. Ferner nahm die bereits auf mittelalterliche Wurzeln zurückgehende Lütticher
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Ateliers de Construction de Machines de
MMJD Houget et C. Texton a Veviers
(Bildausschnitt)
Waffenindustrie einen bedeutenden Aufschwung. Ihr gelang jedoch erst in der zweiten Jahrhunderthälfte allmählich der Übergang vom Verlag bzw. von der Manufaktur zur industriellen Produktion. Im Jahr 1886 schlossen sich unter dem Namen Les Fabricants d'Armes de Guerre Réunis lokale Waffenhersteller zusammen, um der internationalen Konkurrenz trotzen zu können. Dieses Syndikat wurde schließlich 1889 - angesichts umfangreicher Regierungsaufträge - in die Société anonyme Fabrique Nationale d'Armes de Guerre umgewandelt.
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Fabrique de Canons de Fusil Lamines de
MM Simonis et comp. au Val-Benoit
pres de Liege (Kanonenwalzwerk)
Die Metallverarbeitung wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts - ähnlich wie in anderen Industrierevieren Europas - von einer Reihe prägender Trends beeinflusst. Die Massenfertigung von Eisenprodukten wurde zunächst vom Bedarf des Eisenbahnbaus stimuliert, einem Führungssektor der Industrialisierung. Ab den 1860er Jahren trat zur Eisenverhüttung die Stahlerzeugung. Der schnelle Ausbau der Produktionskapazitäten führte schließlich dazu, dass die Lütticher Industrie in den 1870er und 1880er Jahren den belgischen Markt unangefochten dominieren konnte und auf zahlreichen Exportmärkten präsent war.
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